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Elternliebe kennt keine Entfernungen
Familie

Elternliebe kennt keine Entfernungen

RZ
Redaktion Zwergerl
28. Mai 20206 Min.
Eltern wollen für ihr Kind da sein. Ohne Wenn und Aber. Auch nach einer Trennung.

Für Trennungsfamilien ist es besonders schwierig, wenn die Eltern nicht mehr am gleichen Ort wohnen. Häufig reisen Vater oder Mutter regelmäßig stundenlang an, um ihr Kind zu sehen. Die Initiative Mein Papa kommt bietet diesen Eltern Unterstützung. Die dreijährige Laura hatte nach der Trennung ihrer Eltern mehrere Ortswechsel erlebt. Die Treffen mit ihrem Papa konnten dennoch kontinuierlich stattfinden, denn Vater Manuel fand überall – in Berlin, in Hamburg und Lübeck – Gastgeber, die ihn während der Papa-Tage an den Wochenenden beherbergten. Die Gastgeber hatte er über die Initiative „Mein Papa kommt“ gefunden.

Jedes Jahr erleben über 130.000 Kinder in Deutschland die Trennung ihrer Eltern. Oft leben die Kinder dann weit entfernt von ihrem Papa oder ihrer Mama. Wenn das eigene Kind nach einer Trennung weit entfernt wohnt, ist es nicht einfach, einen engen Kontakt beizubehalten und eine intensive Bindung aufzubauen. Für viele anreisende Eltern ist das finanziell und emotional eine große Herausforderung. Längst nicht jeder Vater oder jede Mutter kann sich die finanziellen Mehrbelastungen leisten, weil die abendliche Heimfahrt nach dem Umgangstag angesichts der Entfernungen nicht mehr möglich ist. Oft verfügen die Eltern auch nicht über ein unterstützendes Netzwerk von Familie und Freunden am Wohnort des Kindes.

Die Gefahr, die Nähe zum Kind zu verlieren, ist groß.Fernbeziehungen sind kein Kinderspiel „Mein Papa kommt“ hilft dabei – und richtet sich nicht nur an getrennt lebende Väter, sondern ganz klar auch an getrennt lebende Mütter.

Die Idee dahinter: Ehrenamtliche Gastgeber am Wohnort des Kindes bieten einen Übernachtungsplatz an, damit Papas oder Mamas die eigenen Kinder öfter sehen können und der Umgang gesichert ist. Für den Tag bietet die Initiative sogenannte Kinderzimmer auf Zeit an. Das sind Spielzimmer bei privaten Gastgebern, kooperierenden Kindergärten und Familienzentren. Denn am Wochenende stundenlang mit einem Kind draußen unterwegs zu sein, geht nicht nur richtig ins Geld, sondern ist auch für eine qualitätsvolle gemeinsame Zeit nur bedingt geeignet.

Kinder brauchen nicht nur Zoobesuche und aufregende Schwimmbad-Tage, sondern auch Rückzug und vertraute Räume, um sich geborgen zu fühlen.Die Idee hatte die Religionspädagogin Annette Habert in 2008, als sich ihr der kleine Sven aus München mit seiner Bedürftigkeit und seinem Trennungsschmerz anvertraute. Sein Vater schlief im Auto, wenn er am Umgangswochenende von weither anreiste. Die Kosten für die Übernachtung in einem Hotel konnte er sich nicht leisten. Die Vorstellung, dass ein Kind nach dem Papa-Tag mit dem Wissen einschläft, dass sein Vater draußen auf dem Parkplatz übernachtet, hatte Annette tief betroffen gemacht. Sven hatte einfach damit gerechnet, dass es für seine Sehnsucht nach Verbundensein doch irgendwen in der Welt geben würde, der ein Hoffnungsträger für neue Lösungen in seiner Familie sein könnte. Annette Habert  vermittelte den Vater monatlich an einen ehrenamtlichen Gastgeber am Wohnort von Sven. Bald merkte sie, dass die familiäre Situation des Jungen kein Einzelfall war und vermittelte bundesweit weitere Väter.

Zunächst organisierte sie alles vom Küchentisch aus. Doch bald wurde klar, dass das Projekt einen größeren Umfang annehmen würde und sie gründete das gemeinnützige Unternehmen Flechtwerk 2+1. Das Unternehmen hat rund 1.500 registrierte Eltern, die eine Entfernung von durchschnittlich 400 km von ihrem Kind trennt. Zwei Drittel der Kinder sind im Alter zwischen Null und sieben Jahren. Bundesweit engagieren sich knapp 1.600 ehrenamtliche Gastgeber. Wir haben Anette Habert dazu interviewt:

ZM: Die Statistik zeigt, dass ein hoher Anteil Kinder mit getrennten Eltern aufwächst.

Was bedeutet das für die Kinder? AH: Die Qualität der elterlichen Bindung hat einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Kinder und letztendlich auf das komplette Erwachsenenleben. Kinder müssen es ertragen, wenn Eltern zusammenbleiben und sich aus dysfunk- tionalen Beziehungen nicht lösen können. Und Kinder leiden ebenso, wenn Eltern sich trennen. Aus Erfahrung  wissen wir jedoch, dass sich eine Trennung nicht zwingend negativ auf die  Entwicklung des Kindes auswirken muss. Auch Trennungsfamilien können dem Kind Geborgenheit und Sicherheit geben. Vorausgesetzt die Eltern legen ihre Konflikte bei und kooperieren  auf der Elternebene. Dann werden für Kinder aus zwei Elternhäusern zwei Zuhause.

ZM: Was sind die größten Probleme der Mütter und Väter, die sich bei Ihnen melden?AH: Jeder hat seine eigene Geschichte. Ob die Scheidung in finanzielle Notlagen führt oder ein Kind seinen Vater erst zur Einschulung kennenlernt, die Elternschaft mit einer Affäre beginnt oder das bisher bewährte Wechselmodell wegen beruflicher Veränderungen abgelöst wird. Alle Eltern haben ein gemeinsames Problem: Sie brauchen mehr Erfahrungen von Rückhalt und Wertschätzung, wenn sie über solch große Entfernungen hinweg Verantwortung übernehmen, und sie brauchen konstruktive Handlungsmuster im Umgang mit der Endlichkeit von Beziehungen.

ZM: Wie geht der anreisende Elternteil mit der momentanen Situation von Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperren um?

AH: Seit über zehn Jahren erleben unsere Eltern eine Solidargemeinschaft von Menschen, die ihr Herz und Haus öffnen. Das wird auch in Zukunft wieder möglich sein. Aktuell aber stehen unsere Gastgeber wegen der Kontakteinschränkungen nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung. Wir haben zwar einige wenige Gastgeber, die ihre leerstehende Ferienwohnung zur Verfügung stellen. Das ist für anreisende Eltern aktuell natürlich der Jackpot.  Social Distancing ist hier möglich und einem Wiedersehen von Eltern und Kind steht nichts mehr im Wege. Obwohl der Gesetzgeber trotz Ausgangsbeschränkungen den Umgang von Eltern und Kindern ermöglicht, haben die Maßnahmen gegen Corona die multilokale Familienkonstellation mit voller Wucht erwischt. Bei den Eltern kommt die verständliche Frage auf, ob Umgangsregelungen wegen einer möglichen Ansteckungs- gefahr ausgesetzt werden sollen und müssen. Viele unserer Eltern sehen seit Wochen ihr Kind nicht mehr und verzweifeln an der Angst, dass sie für Ihr Kind  beim nächsten Wiedersehen zu einem Fremden geworden. Was sind die ehrenamtlichen Gastgeber eigentlich für Leute?Unsere engagierten Gastgeber kommen aus allen Gesellschaftsschichten und haben verschiedenste Familienbiografien. In der  Regel sind sie selbst nicht akut von einer Trennung betroffen. Eines haben alle  gemeinsam: Sie verstehen die Sehnsucht der Kinder, mit beiden Eltern verbunden zu sein. Sie engagieren sich, indem sie kostenfrei ein Gästebett und einen Morgenkaffee bereitstellen. Dieses Vorschussvertrauen der Gastgeber einem Fremden gegenüber gibt dem getrennt lebenden Elternteil einen kraftvollen, nachhaltigen Rückhalt, der den Wert der kostenfreien Übernachtung bei Weitem übertrifft. Ohne das wunderbare  Engagement der Gastgeber wäre unsere gemeinnützige Arbeit nicht möglich!

ZM: Wie finanziert sich Ihr Unternehmen?

AH: Unsere wichtigste Ressource ist das Vertrauen von Fachkräften in Jugendämtern und Beratungsstellen, Eltern und Gastgebern in unsere gemeinnützige Arbeit. Aber natürlich müssen auch unsere Kosten unseres Sozialunternehmens finanziert werden.  Die Väter und Mütter, die unser Angebot nutzen, beteiligen sich nach Möglichkeit mit einem Elternbeitrag, der nur zu einem geringen Teil unsere Kosten deckt. Wir sind auf Fördergelder und Spenden angewiesen. Jede Unterstützung stärkt ein ganzes Kinderleben. Ab 2020 beteiligt sich die Landeshauptstadt München zu einem Teil an der Finanzierung unseres Besuchsprogrammes. Was für ein Segen in dieser auch für uns herausfordernden Zeit.

www.mein-papa-kommt.de

#Familie#Trennung#Kinder